Und wie du sie vermeidest, bevor du die erste Seite schreibst.
Fast jedes erste Manuskript stolpert über dieselben Stellen. Keine davon ist ein Talentproblem, alle sind handwerklich lösbar. Hier sind sie, mit einem konkreten Beispiel und der Korrektur.
Kinder steigen über Bilder und Handlung ein, nicht über Zustandsbeschreibungen. Wenn dasteht „Mia war traurig", passiert im Kopf des Kindes nichts. Wenn Mia handelt, schon.
Statt: „Mia war sehr traurig, weil ihr Hund weg war."
So: „Mia schob den vollen Napf in die Ecke und setzte sich daneben auf den kalten Boden."
Beschreibe, was die Figur tut, nicht was sie fühlt. Das Gefühl entsteht beim Vorlesen von selbst.
Im Kurs: Der Szenen-Architekt (Modul V) zerlegt jede Szene in sichtbare Handlung.
Das Kind in der Geschichte soll der Held sein, nicht Mama, Papa oder ein zufälliger Helfer. Greift am Schluss ein Erwachsener ein, verliert das vorlesende Kind genau den Moment, auf den es gewartet hat: dass jemand wie es selbst etwas schafft.
Statt: Der Papa kommt, findet den Hund und alles ist gut.
So: Mia überlegt, wo der Hund sich verstecken würde, folgt der Spur selbst und findet ihn.
Die Hauptfigur trifft die entscheidende Handlung am Höhepunkt selbst.
Im Kurs: Der Konzept-Builder (Modul III) baut den Bogen so, dass die Figur selbst auflöst.
Ein letzter Satz wie „Und so lernte Mia, dass man niemals aufgeben darf" spricht aus, was die Geschichte längst gezeigt hat. Kinder spüren die Belehrung sofort und schalten ab. Die Botschaft wirkt stärker, wenn sie ungesagt bleibt.
Statt: „Mia hatte gelernt, dass Mut sich lohnt."
So: Die Geschichte endet mit Mia und ihrem Hund auf der Türschwelle, beide außer Atem, beide grinsend.
Vertraue dem Bild am Schluss. Streiche den erklärenden Moralsatz ersatzlos.
Im Kurs: Der Finalisierer (Modul VII) findet genau solche Holzhammer-Sätze.
Im Bilderbuch tragen Text und Illustration zusammen. Wenn der Text schon beschreibt, was das Bild ohnehin zeigt, verschenkst du die Hälfte deiner Erzählkraft. Der Text soll sagen, was das Bild nicht kann.
Statt: „Mia stand vor dem dunklen Wald." (und das Bild zeigt genau das)
So: Bild zeigt Mia vor dem dunklen Wald, Text sagt: „Ihr Herz klopfte lauter als die Regentropfen auf den Blättern."
Lass das Bild das Sichtbare zeigen und den Text das Unsichtbare (Gedanken, Geräusch, Geruch).
Im Kurs: Der Szenen-Architekt (Modul V) trennt Bild-Information von Text-Information.
Kinderbücher werden vorgelesen, nicht gelesen. Was auf dem Bildschirm gut aussieht, kann sich beim Vorlesen verhaspeln: zu lange Sätze, Zungenbrecher, ein Rhythmus, der stolpert. Der Test ist simpel und unbestechlich.
Statt: „Mia, die ihren Hund jetzt schon seit zwei ganzen Tagen vermisste und jeden Morgen missmutig am beschlagenen Fenster nach ihm Ausschau hielt, seufzte."
So: „Zwei Tage war der Hund jetzt weg. Mia saß am Fenster und seufzte."
Lies jeden Absatz einmal laut vor. Wo du Luft holst, gehört oft ein Punkt hin.
Im Kurs: Der Manuskript-Schreiber (Modul VI) achtet auf Satzlänge je Altersgruppe.
Ein Bilderbuch hat meist 32 Seiten. Fünf Nebenfiguren und vier Schauplätze passen da nicht hinein, ohne dass alles flach bleibt. Kleine Kinder verlieren außerdem den Faden, wenn ständig neue Namen auftauchen.
Statt: Mia, ihre drei Geschwister, zwei Nachbarn, der Hund und eine Lehrerin in fünf Orten.
So: Mia und ihr Hund, ein Zuhause, ein Wald. Fertig.
Eine Hauptfigur, höchstens ein bis zwei Begleiter, ein bis zwei Orte.
Im Kurs: Das Charakter-Studio (Modul IV) und der Konzept-Builder (Modul III) halten die Besetzung schlank.
Eine Aneinanderreihung von netten Szenen ist noch keine Geschichte. Kinder brauchen Spannung (ein Problem, das größer wird) und sie lieben Wiederholung mit Steigerung. Dreimal klopft jemand an, beim dritten Mal ist es anders. Dieses Muster trägt fast jedes gute Kinderbuch.
Statt: Mia spielt, isst, malt, geht schlafen. (passiert nur)
So: Mia sucht ihren Hund an drei Stellen im Wald. Erste Stelle nichts, zweite Stelle eine Spur, dritte Stelle der Fund. (steigert sich)
Bau ein Problem, das sich in drei Schritten zuspitzt, und löse es am Ende.
Im Kurs: Der Konzept-Builder (Modul III) baut genau diesen Drei-Schritt-Bogen.
Lies einem Vierjährigen dasselbe Buch zum zehnten Mal vor, und er ruft trotzdem „Nochmal". Was er mitspricht, ist der Refrain: ein Satz, der wiederkehrt, immer an derselben Stelle. Fehlt dieser Satz, bleibt das Buch etwas, das man nur anhört. Mit ihm gehört es dem Kind ein Stück weit selbst.
Statt: Jede Seite hat neuen Text, nichts kehrt wieder.
So: „Nicht so schnell, du Fellnase", ruft Mia jedes Mal, wenn der Hund um die nächste Ecke verschwindet. Beim vierten Mal ruft das Kind mit.
Bau einen Satz ein, der drei- bis viermal wiederkehrt, immer an derselben Stelle.
Im Kurs: Der Manuskript-Schreiber (Modul VI) setzt Wiederholungs-Refrains passend zur Altersgruppe.
Im Bilderbuch gehört das Umblättern selbst zur Geschichte: Bild und Text wechseln mit einem Griff, und diese kleine Pause kannst du für Spannung nutzen. Lässt du eine Seite mitten in der Spannung enden, blättert das Kind sofort weiter. Viele schreiben ihren Text dagegen einfach durch und lassen den Seitenwechsel dort fallen, wo das Layout ihn zufällig setzt. Damit geht dieser Moment verloren.
Statt: „Mia ging in den Wald und fand den Hund hinter einem Baum." (alles auf einer Seite)
So: Seitenende: „Hinter dem dicken Baum raschelte etwas. Mia hielt die Luft an." Umblättern. „Da saß ihr Hund."
Beende mindestens jede zweite Doppelseite mit einer offenen Frage oder einem kleinen Cliffhanger.
Im Kurs: Der Finalisierer (Modul VII) markiert, wo ein Seitenende zum Wendepunkt wird.
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